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Allegorie auf das Berliner Künstlerleben
um 1829. Bleistift auf Papier, unten links bezeichnet: "entworfen u. gez von meinem Vater.", 19,3 x 19,5 cm. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung sind das Lebenselixier von Gruppen wie dem 1825 gegründeten Verein der jüngeren Künstler in Berlin. Ihm gehörten Maler, Architekten, Bildhauer und Graphiker ebenso an wie Kunstfreunde und -forscher, die mangels Reputation keinen Zutritt zu dem von Gottfried Schadow gelenkten Berliner Künstler-Verein von 1814 fanden. Obwohl im Unio Junior', der die "Beförderung eines allgemeinen, regen Kunststrebens" nicht zuletzt "durch freie Mittheilung der Ideen" intendierte, ein zwanglos-ironischer Ton herrschte, der sich bei Festen und den zu diesen Anlässen geschaffenen Graphiken manifestierte, bestand zwischen beiden Parteien keine fundamentale Opposition. So empfing die Jugend Schadow mehrfach als Ehrengast, erkor ihn zum Mitglied und schenkte ihm 1834 zum 70. Geburtstag ein Album "selbsterfundener Compositionen und Zeichnungen". Umgekehrt trat manch einer, etwa Adolph Menzel, dem der jüngere Verein die schönsten Festkarten verdankte, mit wachsendem Ruhm dem Kreis der Arrivierten bei. Nur einmal scheint vom Wege der friedlichen Koexistenz abgewichen worden zu sein, als der 1755 geborene Gustav Taubert, Gründungsmitglied des älteren Vereins, im Jahr 1829 eine Karikatur nebst Spottgedicht auf die in Puttenform gezeigte "junge Brut der Kunst" verbreitete, die ihn, den Vertreter eines vermeintlich überlebten Stils, zum Friedhof karrt. Freilich endete der Vorwurf rücksichtslosen Traditionsbruches mit einer Essenseinladung eher konziliant. Wie wenig sich die Junioren die Kritik zu eigen machten und stattdessen die Berührungspunkte hervorhoben, stellte Eduard Daege in vorliegender Zeichnung - wohl dem Entwurf zu einer nicht nachweisbaren Festkarte oder zu einem verschollenen Albumblatt - gleichnis- und bekenntnishaft klar. Der Meisterschüler Wilhelm Wachs zählte mit dem Architektur- und Landschaftsmaler Heinrich Hintze6 und dem vielseitigen Musensohn und Kunsthistoriker Franz Kugler zum Vorstand des Vereins. Alle drei Personen wie auch den Provokateur vermeint man auf Daeges Blatt wiederzuerkennen, das als Replik auf die Attacke des Seniors in den Jahren 1829/30 entstanden sein wird. Der epitaphartige Prospekt fußt auf der bühnenartigen Sockelzone eines üppigen, architektonisch gefassten Akanthusfrieses, dem seitlich ein Satyr bzw. Gaslicht entwächst, während in der Mitte zwei Putten eine Muschel emporheben, auf der sich die Gestalt einer botticellihaften Venus präsentiert. In tänzerischer Pose trägt sie nichts als eine weit abflatternde Draperie, so dass unklar bleibt, ob es sich um eine Statue, ein (lebendes) Bild oder ein Aktmodell handelt. Die Realitätsebenen bruchlos verwebend, rücken ihm vier auf der Arabeske sitzende und stehende Männer zu Leibe. Begnügen sich die zwei Künstler im Vordergrund mit konventioneller Handzeichnung, wagt es der links Stehende, die Göttin mit dem Zirkel zu vermessen, derweil ein Dandy mit Feldstecher sein Augenmerk weniger ihrer antikischen Schönheit als der in weiter Ferne liegenden Natur widmet. Flankiert und überwölbt wird die Szene von zwei Säulen, auf deren Kapitellen je ein Putto mit Schriftbändern das Lob der Künste anstimmt und eine abenteuerliche Giebelkonstruktion aus Balken, Ast-und Blattwerk aufgeht, in der Genien als Repräsentanten verschiedener Gewerke eilfertig dabei sind, den Bau zu vollenden. In dessen Mitte thront die Personifikation der Architektur, die von einem Akroter hinter sich bekrönt' und durch das Wappen auf dem Abhängling als Berliner Stadtgöttin ausgewiesen ist. Nicht minder grotesk sind die Stützen konstruiert: Während die Säule ionischer Ordnung ihr Profil den über die Voluten des Kapitells laufenden Ketten eines Flaschenzuges verdankt, womit der auf einem Weinfass stehende Putto zwei die Basis bildende Flaschen zu entkorken sucht, ist das dorische Pendant durch das Geschäft eines auf halber Höhe platzierten Knaben geprägt, der in jeder Hand eine lange, mit den Kanneluren verschmelzende Tabakspfeife hält. Die Kapitellform auf technische Ursachen wie den Rollenzug zurückzuführen oder die Säulenstege als (Pfeifen-) Rohr wörtlich zu nehmen, verweist ähnlich der im vegetabilen Dachstuhl assoziierten romantischen Idee der Gotik als einer aus der Natur entwickelten Bauform auf eine ehrfurchtsvoll-respektlose, gewissermaßen pragmatische Haltung gegenüber kanonischer Überlieferung. Die Szenerie spiegelt indes nicht nur die Vereinspraxis, neben Vorträgen, Turnstunden, Ausflügen und Festen auch Zeichenübungen und Kompositionswettbewerbe zu veranstalten, sondern zielt weiter: Venus Anadyomene im Schnittpunkt des Geschehens verkörpert das im "Festlied" zum unveräußerlichen Ziel erhobene Ideal des Vereins. Neben ihr steht der am typischen Sokrateskopf' erkennbare Dichter Franz Kugler selbst, dessen Messgerät an sein 1829 abgelegtes Feldmesserexamen wie an den empirischen Ansatz seiner "auf Autopsie beruhenden Forschungen" erinnert. Vis-a-vis schreitet Heinrich Hintze, dessen Spezialisierung auf die Vedute ihm gestattete, das Antikenstudium (fahr)lässig zu ignorieren. Als Genre- und Historienmaler war dies dem vorne rechts platzierten Daege verwehrt, doch löst er bezeichnenderweise den Blick vom Muster, um nicht Sklave der Nachahmung der Alten' zu werden. Sein über das Zeichenbrett gebeugter Nachbar, dessen Bejahrtheit im juvenilen Zirkel verblüfft, fixiert hingegen das Vorbild so intensiv, als dürfe ihm kein Detail entgehen. Adlernase und vorspringendes Kinn entsprechen Tauberts Physiognomie, wie sie das Selbstporträt (1828) oder Eduard Gaertners Lithographie (1832) en face überliefern. Mit der Integration der Väter-, ja Großvätergeneration unterbreitete Daeges Allegorie den Honoratioren ein satirisches Friedensangebot, ohne die Relativierung akademisch-klassizistischer Positionen zu widerrufen. Die quasiprogrammatische Darstellung reflektierte zugleich das tolerante, doch beileibe nicht sezessionistische Selbstverständnis der Junioren, in deren Augen Aufbruchstimmung und Rücksicherung in der Tradition einander nicht ausschlossen. Die ambivalente junge Brut' war weder eine "gezielte Gegenbewegung" noch "Trutzvereinigung" gegen das Establishment, sondern in mehrerer Hinsicht "ein Durchgangspunkt", insofern es ihr um eine zeitgemäße Vermittlung von Idealismus und Realismus bzw. hohen poetischen und niederen prosaischen Genres ging und die Gruppe zum anderen infolge des erfolgreichen Marschs vieler Mitglieder durch die Institutionen in den 1840er Jahren von der Bühne verschwand, um mit dem Verein Berliner Künstler der nächsten jungen Generation Platz zu machen.
      [Bookseller: H. W. Fichter Kunsthandel e.K.]
Last Found On: 2014-05-02           Check availability:      ZVAB    

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