Stahl, Georg Ernst: =
Portrait, Brustbild nach vorn, den Mantel in üppiger Drapperie über die Schulter gelegt, mit Perücke. Kupferstich, ca. 1720, 155 x 98 mm.
. Georg Ernst Stahl, "der dritte in dem berühmten Dreigestirn der grossen Systematiker des 18. Jahrhundert neben BOEEHAAVE und HOFFMANN und der bekannte Rival des Letzteren, war 21. Oct. 1660 zu Ansbach geb., studirte gleichzeitig mit HOFFMANN in Jena, besonders unter WEDEL und promovirte 1684. Er habilitirte sich daselbst und erwarb sich bald einen solchen Ruf, dass er 1687 zum Hofmedicus des Herzogs von Weimar ernannt wurde. Auf Veranlassung HOFFMANN'S wurde er 1694 an die neu gegründete Universität zu Halle als zweiter Prof. der Med. berufen. Er folgte diesem Rufe und beide waren dort lange Zeit die einzigen Docenten der Medicin, die sich die Vorlesungen in der Weise theilten, dass STAHL über Botanik, Physiologie, Pathologie, Diätetik, Arzneimittellehre und med. Institutionen (Encyclopädie) las, während alle übrigen Vorlesungen HOFFMANN übernahm. Nach 22jähr. Thätigkeit und wenige Jahre, nachdem Letzterer aus Berlin von seinem vorübergehenden Aufenthalte wieder nach Halle zurückgekehrt war, im Jahre 1716, ging STAHL als Leibarzt des Königs von Preussen nach Berlin und wirkte hier bis zu seinem 14. Mai 1734 erfolgten Tode. STAHL war in Folge der streng religiösen Erziehung, die er in seiner Jugend erhalten hatte, ein orthodoxer, in sich gekehrter Mann, ein "homo acris et metaphysicus", wie sich HALLER ausdrückt, und konnte keinen Widerspruch vertragen. Namentlich aber bereiteten ihm die Erfolge seines Rivalen HOFFMANN grossen Verdruss. Er sah wohl ein, dass die grosse Masse seinen tiefen Ideen nicht folgen und ihnen keinen Beifall schenken konnte, wurde in Folge dessen intolerant, gegen seine Gegner bitter und verfolgte Alle, die nicht zu seiner Fahne schwuren. Im höchsten Grade in seinen Ausdrücken unklar, musste er der grossen Masse unverständlich bleiben und am allerwenigsten waren seine Schüler im Stande, auch nur entfernt in die Tiefe seiner Gedanken einzudringen. Es entwickelte sich daher auch sehr bald ein feindliches Verhältnies zwischen ihm und HOFFMANN , dem er durch seine Uebersiedlung nach Berlin aus dem Wege ging. So wenig man auch die von STAHL aufgestellte Theorie billigen kann, so muss man doch gestehen, dass er die bedeutendsten Einblicke in die pathologischen Verhältnisse gethan hat und dass zahlreiche seiner Ansichten durch die späteren Erfahrungen bestätigt worden sind. Er steht gleichfalls, wie HOFFMANN , auf einem physikalischen Standpunkte. Er sieht aber die Einheitlichkeit des Organismus in der Seele repräsentirt. Das Leben beruht ausschliesslich auf der normalen Zusammensetzung der einzelnen Theile des Körpers; die Anima schützt aber den Körper vor dem Zerfall. Der Tod erfolgt, weil mit der Trennung der Seele vom Körper das in diesem enthaltene Princip schwindet. STAHL bekämpfte jede naturwissenschaftliche Behandlung der Medizin; Anatomie und Physiologie erklärt er für überflüssigen Ballast der Medizin. Das von ihm aufgestellte Princip des "Animismus" verfolgt er nun bis in die äussersten Consequenzen und alle Vorgänge im gesunden und kranken Organismus werden von diesem aprioristischen Standpunkte aus in seinem Hauptwerk: "Theoria medica vera, physiologiam et pathologiam tamquam doctrinae medicae partes vere contemplativas e natura el artis veris fundamentis intaminata ratione et inconcussa experientia sistens" (Halle 1707, 8, 37 ; Leipz. ed. L. CHOULANT, 1831-33, 3 Bde.; deutsch von RUF mit Vorrede von C. SPRENGEL, Halle 1802 ; von K. W. IDELEB, Berlin 1831, 32) bearbeitet. Schon vor ihm hatten zahlreiche Forscher zu der animistischen Lehre ihre Zuflucht genommen, zu der Seele als princeps regulato aller Dinge (physis der alten Griechen, archeus im Mittelalter). Die STAHL'sche Anima" entspricht ungefähr der "physis" des HIPPOKKATES. Er schliesst sich in vielen Beziehungen an die VAN HELMONT'schen Lehren, zum Theil auch an SYDENHAM an. Die Basis der meisten Erkrankungen bildet die Plethora und das Mittel, dessen sich die Seele zur Ausgleichung der Plethora bedient, ist nach STAHL die Blutung. Diese Idee führte er nun in äusserst geschickter Weise aus. Im Kindesalter ist es vorzugsweise der Kopf, an dem sich diese Plethora manifestirt, im Jünglingsalter die Brust, im Mannesalter der Unterleib. Das letztere Verhältniss sei das allergünstigste, besonders wenn es der Seele gelingt, die dadurch gesetzte Spannung durch Blutflüsse per anum zu beseitigen. Daher schreibt sich die berühmte Lehre von der goldenen Ader, dargestellt in der Diss.: "De venae portae porta malorum hypochondriaco - splenitico - suffocativo - hysterico - haemorrhoidariorum" (Halle 1698; 1705, 22, 51). Das Fieber erklärt er für eine von der Seele unternommene Action, die darauf gerichtet ist, die vorhandenen Schädlichkeiten zu entfernen, also für eine Art von purificatorischer Thätigkeit. Es ist nach STAHL auch durchaus verkehrt, bei fieberhaften Krankheiten etwas gegen das Fieber zu thun. Er war daher Gegner der antifebrilen Mittel und selbst der Chinarinde beim Wechselfieber. Entzündung erklärt er als die Folge von Congestion und Blutstauung, durch welche das Blut viele krankhafte Veränderungen erfährt. STAHL ist der Erste, welcher bei Blutanhäufung den activen Zustand - Fluxion - und den passiven - Hyperämie (Stauung) - unterscheidet. In therapeutischer Beziehung sucht er vor allen Dingen die Ausleerungen zu fördern. Im Gegensatz zu den übrigen Aerzten, welche in der Therapie stets nach der Erfahrung und nicht nach ihren Theorien verfuhren, nimmt STAHL in der Praxis einen seinen theoretischen Anschauungen vollständig und consequent entsprechenden Standpunkt ein. Er ist ein entschiedener Gegner der Chinarinde, des Opiums, überhaupt der gewaltsamen Mittel, ferner der Alterantia. Ausser dem oben genannten Hauptwerk hat STAHL noch sehr viel geschrieben, im Ganzen etwa 240 Schriften, darunter zum grössten Theil kleinere Dissertationen und akademische Gelegenheitsschriften, deren genaues Verzeichniss sich in den meisten der unten angegebenen Quellen befindet. Nicht unerwähnt darf zum Schlüsse noch bleiben, dass STAHL auch in der Chemie eine bedeuteude Rolle gespielt hat. Er ist Verf. verschiedener chemischer Schriften und vor Allem der Autor der Theorie des "Phlogiston", dargestellt in "Zymotechnia fundamentalis seu fermentatiunis theoria generalis etc." (Halle 1697), welche bis auf LAVOISIEE allgemeine Geltung behielt. Auch entdeckte er viele Eigenschaften der Alkalien, Metalloxyde und Säuren. STAHL hatte nur eine kleine Zahl von Schülern und unter diesen auch nicht Einen, der etwas Hervorragendes in der Medizin geleistet hat. Alle waren sie meistens Metaphysiker, fromme, gottesfürchtige Leute von ausserordentlich geringem Verstande. Von mittelbar nachhaltigem Einfluss war die STAHL'sche Lehre auf die Schule von Montpellier, welche diese mit der alten des HIKPOKRATES in Beziehung brachte und so die später auftretende vitalistische Theorie vorbereitete." Pagel, Hirsch V, pp.502-503 siehe - Biogr. med. VII, pp. 254-260; Dict. hist. IV, pp. 204-213; Lasegue, in Conferences histor. faites a la Fac. de med. de Paris 1865: Hoffniann et Stahl, p. 33; auch in Union med. 1865, p.38,41; Poggendorff, II, p. 979.
[Bookseller: Antiquariat für Medizin - Fritz-Dieter S]
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