Sebastian Brant:
Das Narrenschiff, lat. (Navis stultifera) von Jacobus Locher Philomusus. (GW 5061, HC 3750). Blatt LXXII "De iracundis mulieribus" mit einem Original Holzschnitt von Dürer. (Prestel 266, 17).
Basel, Johann Bergmann de Olpe, 1. August 1497. Type I, II, III und IV.. Einspaltiges, 30-zeiliges Original-Inkunabelblatt mit einem dreiviertelseitigen O-Holzschnitt von Albrecht Dürer (8,3 x 11,5 cm). Im Textbereich etwas fleckig und leichte Faltspuren. Gezeichnete Hand der Zeit als Zeilenweiser auf der Textseite. Blattgröße: 19,5 x 14,2 cm. Incunabula text woodcut leaf.. Originalholzschnitt von Albrecht Dürer auf einem Originalblatt der zweiten lateinischen Ausgabe J. Bergmann de Olpe. Sebastian Brant hat Dürers Holzschnitt das Motto "Mancher, der ritt gern spat und fruh, kämn er vor seiner Frau dazu, die läßt dem Esel selten Ruh" vorangestellt. Brant verwendet diesen Holzschnitt Dürers in seinem Narrenschiff zweimal. Winkler vermerkt zu diesem Holzschnitt: "Für beide Kapitel mußte das Bild dienen, daher vielleicht die gehäufte Symbolik". (Winkler 1951, S 37) So symbolisiert die Schnecke den langsamen Gang des Tieres, der Hund der dem jähzornigen und schnaubenden Narr gleicht und die Frau die den Mann am Reiten zu anderen Weibern hindern will. Der Holzschnitt enthält neuartige, ausdrucksstarke (Prestel 2004, 96) und pathetische Motive, die durch die "kümmerliche" (Winkler 1951, 37) Ausführung des Formschneiders vereinfacht werden. Nachdem der junge Dürer bei Michael Wohlgemuth in Nürnberg das Maler- und Stecherhandwerk erlernt hatte, begab sich der 19-jährige Dürer im Jahre 1490 auf die Wanderschaft. Zwischen dem Frühjahr 1492 und dem Herbst 1493 arbeitete er in Basel, und am 8. August 1492 erschien dort sein erster von ihm signierter und heute noch in Basel erhaltener Eingangsholzschnitt zu den "Epistolae beati Hieronymi". 1493 erschien der "Ritter vom Turn" und 1494 das "Narrenschiff" mit seinen Holzschnitten. Da nicht alle Holzschnitte im Narrenschiff von Dürer stammten, blieb seine Autorenschaft lange verborgen. 1951 entdeckte der Kunsthistoriker Friedrich Winkler die "Signatur" Dürers in den Holzschnitten. Dürer setzte auf jede Narrenkappe "eine Reihe von Schellen, die sich wie ein Scheitel über den Schädel zwischen den Ohren" hinzieht (Winkler: Dürer und die Illustrationen zum Narrenschiff, 12). Diese Unterscheidung ist von einigen Einschränkungen abgesehen, bis heute gültig. (vgl. Cornelia Schneider, Das Narrenschiff 2004, 140). Die Besonderheit der Holzschnitte Dürers liegt in ihrer realistischen Fassung. Niemals zuvor sind im altdeutschen Holzschnitt die Landschaft, der Innenraum, das Strassenbild, der Bauernhof, die schöne Aussicht, das Dickicht eines Gebüsches oder die weite Fläche des Meeres Hauptmotive von Bildern gewesen und mit so erstaunlicher Überzeugungskraft wiedergegeben worden. Von den 105 Holzschnitten des "Narrenschiffs" werden heute 73 dem Hauptmeister Dürer zugeordnet. Es hat keinen folgenreicheren Schritt in der Geschichte des Holzschnitts gegeben, als die Einführung des Realismus. Ohne kräftige Binnenmodellierung war sie nicht möglich. Die Holzschnitt-Produktion der zwei Jahrzehnte vorher, in denen Tausende von Buchbildern in Deutschland gerissen worden sind, ist noch dem Umrissholzschnitt verhaftet. (vgl. Winkler 1951) Die dargestellten Menschen erhalten durch Dürer erstmals verschiedenen Ausdruck: "Ein höchst individuell abgestuftes Pandämonium von Dummheit, Unverschämtheit, Verlegenheit, Täppischkeit, Verschlagenheit, Genußsucht und Herabgekommenheit tut sich auf. Bürger und Bauern, Ritter und Kaufleute, Pfaffen und Schreiber, Handwerker und Bauherrn, Landstreicher und Stubengelehrte, Aerzte und Quacksalber, Geizhälse und Gecken, Vetteln und Huren ziehen vorüber" (Fr. Schultz).
[Bookseller: Versandantiquariat Christine Laist]
|