(JOHANNES GUALLENSIS [Gallensis, Vallensis]).
(Summa collectionum aut communiloquium)
(Ulm, Johann Zainer [d.Ä.]) 1[4]81. Im Kolophon steht irrtümlich "1281".. Gr.-4°. (12) Bll.; (1) Bl. (weiß); (174) Bll.; (1) Bl. (weiß). [* - ** 6; a - y 8]. Die ersten vier Lagen nach dem Register in Rot rubriziert und mit eingemalten roten Initialen. Letztes Bl. recto mit gemaltem Besitzer-Wappen. Blindgeprägtes Kalbsleder d. Zt. über Holzdeckeln mit ziemlicher Sicherheit aus der Werkstatt des Augsburger Binders Jörg Schapf (leicht berieben und bestoßen [Ecken, Kanten etwas stärker, Seiten der Bünde stark bestoßen, tls. mit kleiner Bezugsfehlstelle], Gelenke fachmännisch restauriert); zwei intakte originale Schließen mit aufgeprägtem Monogramm "man"). Vierte Ausgabe. Johann Zainer (d.Ä.), der Erstdrucker von Ulm, wahrscheinlich der Bruder des Augsburger Druckers Günther Zainer, hat - wie dieser auch - das Druckerhandwerk in Straßburg bei Mentelin gelernt. Sein erster Druck stammt wohl von 1473, und seine Anfangsjahre sind geprägt von der Zusammenarbeit mit Heinrich Steinhöwel. Die Blüte seiner Offizin dauerte jedoch nur ca. 12 Jahre; 1487 war er schon hoch verschuldet, 1493 musste er deswegen Ulm verlassen. Ab 1496 wird in der Johann-Zainersche Offizin in Ulm die Arbeit wieder aufgenommen, aber in der Fachliteratur besteht keine Einigkeit darüber, von wem: von Johann Zainer selbst (so u.a. Geldner) oder von seinem gleichnamigen Sohn (so schon Wegener und neuerdings GW und Amelung). Biografisches ist über Johannes Gallensis nur wenig bekannt: geb. zwischen 1210 und 1230, walisischer Herkunft; gest. wahrscheinlich 1285 in Paris. 1257 kommt er zu den Franziskanern nach Oxford und lehrt ab 1258 im Rahmen des dortigen Ordensstudiums. 1281 bis 1283 ist er an der Universität von Paris tätig; in dieser Zeit wird er auf eine diplomatische Mission nach Wales vom Erzbischof von Canterbury gesandt. "Durch seine Kompilationen, ohne systematischen Anspruch, bemühte sich J.G., den Predigern seiner Zeit Material, vor allem solches von antiken Schriftstellern, zur moralischen Erbauung ihrer Zuhörer an die Hand zu geben, sie selbst aber mit den Normen für ihr Verhalten und mit ihren Pflichten vertraut zu machen." (BBKL III, Sp. 287). Umstritten ist eine Stelle im communiloquium, in der das Ende eines Schachspiels mit dem Lebensende verglichen wird: "Die Welt gleiche einem Brett mit weißen und schwarzen Feldern, auf denen die Menschen als Schachpuppen verschiedene Plätze einnehmen. Früh holt man die Figuren ... aus einem Sack hervor ... nach vollendetem Spiel wartet aber Aller, ungeachtet ihrer verschiedenen Stellung im Leben und im Spiele, der nämliche Ort. Und wie der König dabei wohl zuunterst im Beutel zu liegen komme, so könnten auch die Großen der Erde zur Hölle, die Armen aber in den Himmel gelangen. Auf dem Brett des Lebens spielt der Teufel mit dem Menschen und sagt ihm Schach , wer sich dann nicht schnell bekehrt, dessen Seele wird mit Matt geraubt". (J. Seifert, Schachphilosophie, 1989, S. 117). In zwei Inkunabelausgaben ist sie enthalten, in den beiden anderen - wie in unserer - nicht; so wird sie auch als Interpolation gesehen. Die Zuweisung des ausgezeichnet erhaltenen Einbandes an Jörg Schapf aus Augsburg ist gut fundamentiert: Die Deckelaufteilung entspricht der bei Kyriss 63 abgebildeten, alle Stempel sind in der Einbanddatenbank der Staatsbibliothek Berlin unter diesem Binder aufgelistet. Auf dem Vorderdeckel folgt auf einen schmalen Rand ein Rahmen mit Rosettenstempeln,sechsblättrig, Blätter breit und gebuchtet, umrandet im Quadrat (so weder bei S-S noch in EBDB). In dem inneren großen Rechteck findet sich Rautengerank (EBDB s002566 / S-S Rautengerank 137), in dessen inneren Feldern ein Stempel "Staude mit Krause" (EBDB s002561/ S-S Blattwerk 370). Der Rückendeckel trägt das gleiche Rautengerank mit Staude, der Rahmen darum ist mit Kopfstempeln besetzt (EBDB s002555 / S-S Kopfstempel 29) - laut v. Rabenau ein für Schapf typisches Dekor (S-S II, S. 9). Auf dem Rücken wiederholen sich die Kopfstempel des Rautengeranks. Ein sehr breitrandiges Exemplar: eine Reihe von Temoins sind sichtbar. Schwach gebräunt und gering fingerfleckig (Vorsätze und Spiegel stärker). Vorderer Vorsatz verso mit alter handschr. Bibliothekssignatur, Bl. y8 recto über dem eingemalten Wappen der Besitzereintrag: "Johannes Weydenhuser possessor huius libri". Ein ungewöhnlich gut erhaltenes Exemplar im originalen Zustand. Einbände von J. Schapf sind auch in großen Sammlungen selten: weder bei v. Arnim noch bei Goldschmidt ist einer aufgeführt. H 7443; GKW (online-Katalog) M13990; Wegener (Zainer) 11; BMC II 527; BSB-InkI-576; Scholderer (Vallensis) S. 77..
[Bookseller: Antiquariat Büchel-Baur]
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