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KARL I., letzter Kaiser von Österreich (1887-1922)

Eigenhänd. 4-zeilige Bleistiftmitteilung mit Unterschrift auf kleinem karierten Notizzettel, 9 x 5 cm, auf Oktavblatt montiert, ohne Ort und Datum.

      . "Bitte Frl. Hertha die 'Borsobibel' zu übergeben Karl".. Die lateinische Borso-Bibel, heute in der Biblioteca Estense Universitaria di Modena aufbewahrt (Cod. MS LAT 422 & 423), gilt als ein Hauptwerk der italienischen Renaissance-Miniaturkunst und als das schönste (und teuerste) Buch der Welt. Borso d'Este, Herzog von Ferrara, lässt in den Jahren 1455-1461 das zweibändige illuminierte Manuskript höchst aufwendig von den besten Künstlern seiner Zeit (Taddeo Crivelli u. a.) gestalten; die Illustrationen allein kosten die damals enorme Summe von fast 5000 Lire. 1598 wandert die "Bibia bela", wie sie in den estensischen Inventaren genannt wird, mit der Verlegung der herzoglichen Residenz nach Modena, das 1796 mit der Cisalpinischen Republik vereinigt wird. Als 1803 das Haus Este im Mannesstamm ausstirbt und sich die Erbtochter Maria Beatrix mit Ferdinand, dem 3. Sohn von Kaiser Franz II./I. vermählt, gehört die Bibel der neu entstandenen Linie Österreich-Este und gelangt erstmals nach Österreich; ab 1831 ist sie neuerlich in Modena, bis sie es 1859 mit dem entmachteten Herzog Franz V. wieder verlässt. Durch Vermächtnis des Herzogs kommen die gesamten estensischen Kunstsammlungen 1875 an Franz Ferdinand, der den Titel "Este" annimmt. Nach seiner Ermordung im Juni 1914 geht die Borso-Bibel - die inzwischen im Wiener "Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses" eine erste wissenschaftliche Bearbeitung erfahren hat - auf Karl über. Der Zusammenbruch der Monarchie gibt dem Königreich Italien die Möglichkeit, den Besitz der Bibel zu beanspruchen, und der Vertrag von St. Germain legt ihre Rückkehr nach Italien fest. Die betreffende Bestimmung bleibt allerdings Papier, da Karl die Borso-Bibel, die er zu seinem Privatvermögen rechnet, bereits außer Landes gebracht hat: Nachdem er auf die Mitwirkung an den Regierungsgeschäften, jedoch nicht auf den Thron verzichtet hat, ist er im März 1919 mit seiner Familie und einem beträchtlichen Gefolge in die Schweiz ausgereist; den Familienschmuck, den er zum Teil aus der Schatzkammer hat holen lassen und der nach der Konfiskation des Habsburgervermögens in den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie nunmehr seinen finanziellen Rückhalt darstellt, hat er teils mit sich geführt, teils hat er ihn bereits vorher in die Schweiz bringen lassen. Auch die Borso-Bibel dürfte im Winter 1918/19 in der Schweiz deponiert worden sein: vermutlich ist unser Dokument, das aus einer niederländischen Privatsammlung stammt, im Zusammenhang damit entstanden. Karl verpfändet Teile des Schmucks gegen einen hohen Kredit an die Schweizer Nationalbank und versucht darüber hinaus, weiteres zu verkaufen - da die österreichische Regierung die Rückgabe der Kleinodien fordert, ist dies nur auf dem Schwarzmarkt möglich. Als Mittelsmann fungiert der österreichische Anwalt Bruno Steiner, der bereits für Franz Ferdinand dessen große Este-Erbschaft in Rom verwaltet hat. Er verschafft dem exilierten Kaiser Geld für die Juwelen und ermöglicht ihm damit seine beiden Restaurationsversuche in Ungarn. Nach ihrem Fehlschlagen wird Karl von den Westmächten auf die portugiesische Insel Madeira verbannt, wo er am im November 1921 mit seiner Frau Zita und kleiner Begleitung eintrifft. Zu Beginn des Jahres 1922 reist Zita unter strenger Bewachung in die Schweiz, um ihre dort zurückgebliebenen Kinder abzuholen und sich um den Rest von Karls Vermögen zu kümmern - das exilierte Kaiserpaar ist der Meinung, dass etwa noch die Hälfte davon vorhanden sein müsse. Zita erklärt dem Rechtsanwalt der Familie in Zürich, dass zwei Stücke davon verkauft werden sollen und sie auch bereits amerikanische Interessenten dafür habe: der sogenannte Florentiner-Diamant Karls des Kühnen, der viertgrößte Diamant der Welt (Verkaufspreis nicht unter 10 Millionen Schweizer Franken), und die Borso-Bibel (Verkaufspreis ca. 5 Millionen Schweizer Franken). Allerdings sind beide Objekte unauffindbar, ebenso wie die verpfändeten Juwelen und Anwalt Bruno Steiner, und Zita kehrt ohne Schmuck und Geld nach Madeira zurück. Karl stirbt wenige Wochen später in seinem ungeheizten feuchten Quartier. Zitas Bruder Xavier kann den in einem Hotel in Wiesbaden unter falschem Namen lebenden Bruno Steiner aufspüren, dem es aber zu fliehen gelingt; er stirbt in den Dreißigerjahren in Armut. Der Florentiner-Diamant sowie der übrige habsburgisch-lothringische Familienschmuck bleiben bis heute unauffindbar und geben Stoff für Spekulationen aller Art - seriöse historische Quellen zum Thema sind kaum greifbar. Das weitere Schicksal der Borso-Bibel ist hingegen bekannt: sie taucht im Frühjahr 1923 bei dem Pariser Kunstmakler Gilbert Romeuf auf - laut Bestätigung eines Notars in Lausanne hat sie ihm Kaiser Karl "par representation" verkauft. Romeuf hat vom Kaiserpaar den Auftrag, die Bibel nach Möglichkeit nach Italien weiterzuverkaufen. Der Florentiner Antiquar Tammaro De Marinis macht die italienische Regierung auf die Sache aufmerksam, worauf Benito Mussolini den kulturbegeisterten lombardischen Industriellen und Finanzmann Giovanni Treccani für einen patriotischen Kraftakt gewinnen kann: Treccani erwirbt das Buch am 1. 5. 1923 um die astronomische Summe von 3,3 Mio. Francs (über 5 Mio. Lire) und sticht damit seinen amerikanischen Konkurrenten, die Pierpont Morgan Library, aus. Er lässt die Borso-Bibel in ihre Heimat zurückkehren, schenkt sie dem italienischen Staat und veranlasst die erste Faksimile-Ausgabe des Buches, die 1937 in Mailand erscheint. Und Zita bedankt sich zwei Tage nach Unterzeichnung des Kaufvertrags mit folgendem Schreiben bei Romeuf: "... J'apprends ... que vous avez pu vendre en Italie la Bible de Borso que mon epoux Sa Majeste l'Empereur Charles vous avait cedee. J'en suis tres heureuse et vous remercie de vous etre souvenu de votre engagement gracieux. Ainsi se trouve terminee cette question au mieux des interets de tous ...". - Digitalbild auf Anfrage.

      [Bookseller: Wiener Antiquariat Ingo Nebehay GmbH]
Last Found On: 2008-12-05          Check current availability from:     choosebooks


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