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BOETHIUS, Anicius M.S.

...de philosophico consulatu sive de consolatio(n)e philosophi(a)e: cu(m) figur(is) ornatissimis novit(er) expolit(us).

      . Straßburg, Johann Grüninger, 8. September 1501. Fol. (10), 126 (recte: 128) Bll. Mit 78 Textholzschnitten, zahlreichen Holzschnittinitialen und schwarzgrundiger Druckermarke. Blindgepreßtes Schweinsleder des ausgehenden 16. / frühen 17. Jh.s über Holzdeckeln mit Streicheisenlinien und Rollenstempeln (berieben [RD etwas stärker], gebräunt und - v.a. an den Rändern - mit Wurmlöchern, fleckig. Bezugdefekte an Kanten restauriert, Rücken mit kleinen Läsuren [restauriert] und größerem Wurmgang, RD mit kleinem restauriertem Bezugsdefekt; Rücken nach Entnahme von Beibänden verkürzt und - handwerklich sehr professionell - wieder geschlossen), drei (nur noch teilweise lesbare) handgeschriebene Rückentitel (woraus zu schließen ist, dass das Exemplar ursprünglich ein Sammelband, bestehend aus drei Texten, gewesen ist); ohne die Schließen. Seltene Ausgabe, von S. Brant herausgegeben. Die Textanordnung ergibt das charakteristische Druckbild früher Grüninger-Drucke: Der literarische Text in schöner großer Antiqua mit breitem Zeilenabstand, dazwischen in sehr kleiner Type Interlinear-Glossen, der Kommentar (Pseudo-Th.-v.-Aquin) in mittelgroßer Type den Text umrahmend. Die Holzschnitte bilden einen Markstein in der Grüningerschen Buchillustration. Die stammen aus einer anonymen elsässischen Schule und wurden eigens für diese Ausgabe angefertigt. Ihre Qualität liegt zum einen in der Ausdrucksstärke der Figuren und Szenen, zum anderen darin, daß sie ganz auf den Text bezogen sind - letzteres war bis dahin zumindest bei Grüninger und auch später bei einer Reihe anderer Drucker nicht die Regel; Kristeller ordnet sie seiner Gruppe B Grüningerscher Illustrationen zu (S. 42).Drei der fünf Bücher werden mit einem ca. halbseitigen Titelholzschnitt eröffnet, dann folgen 12-24 kleinere querformatige Textholzschnitte je Buch, die öfter aus drei, manchmal aus vier Teilen zusammengesetzt sind; bei Buch vier ist der halbseitige Holzschnitt am Ende eingedruckt. Die Illustrationen liegen überwiegend in ausgezeichneten Abdrucken vor. Boethius (um 480 - um 524), in Rom geboren und aus einer der vornehmsten röm. Adelsfamilien stammend, wurde 510 Konsul und stieg unter Theoderich zu höchsten Staatsämtern auf. Unter Anklage der Konspiration mit Ostrom wurde er in Pavia eingekerkert und später hingerichtet. Im Gefängnis schrieb er die Schrift "Vom Trost der Philosophie" (um 523). "Die Trostschrift gehört zum Schönsten, was am Ausgang des Altertums zu Pergament gebracht worden ist. Sie stammt von einem Mann, der ... gleichermaßen sicher auf dem Boden der klassisch-griechischen wie der klassisch-lateinischen Bildung stand und der wegen seiner reinen, durch Eleganz und Korrektheit bestechenden Sprache als der letzte Klassiker gilt ... Seiner vortrefflichen Begriffsbestimmungen wegen wird er zugleich auch der erste Scholastiker genannt. " (KNLL 2,860f.) Der Aufbau - Analyse der "Krankheit" durch die Philosophie, Anwendung zuerst leichterer Heilungsmittel in Form einfacherer Merksätze, dann anspruchsvollere philosophische Beweisgänge bis hin zu komplizierten und abstrakten Theoremen der Ethik und der philosophischen Theologie (die kräftigeren Heilmittel), wobei der Diskurs sich auch insofern steigert, als zunächst allgemein Bekanntes aus der griechischen und römischen Philosophie referiert wird, in zunehmendem Maße dann aber eigenständige Erörterungen Platz greifen - zeigt, daß es dem Autor um mehr ging als um persönliches Bekenntnis. "Augustinus und Boethius vollenden die Rezeption der griechischen Philosophie und erheben die lateinische Sprache zu einem Instrument der Wissenschaft. So schmieden sie die geistigen Waffen für Mittelalter und Neuzeit." (M.v.Albrecht, Gesch. d. röm. Literatur, S. 1367). Ein interessantes Detail: Das zweite Buch enthält einen der ältesten Belege für das Bild des rollenden Glücksrads. Die Einbandprägung ist auf beiden Deckeln gleich angelegt: Auf dem VD besteht sie aus einer doppelten Bandornamentik-Rolle außen, an die sich eine Rolleanschließt; es folgt eine Christus-Rolle mit "Lamm Gottes", dem Schriftzug "IHR" im runden Stahlenkranz und Blüte, und innen befindet sich ein kleines rechteckiges Feld, in dem sich die Bandornamentik wiederholt. Über und unter der Christus-Rolle wurde je ein waagerechtes Feld freigelassen (für Buchstabensupralibros und Jahreszahl). Das Dekor des RD ist im wesentlichen gleich angelegt (es fehlen die beiden freien Felder, weshalb das innere Feld und die Christus-Rolle größer dimensioniert sind; die äußere Rolle mit Bandornamentik ist an den beiden Längsseiten nur einfach aufgedruckt). Provenienz: Das Titelblatt trägt den handschriftlichen Vermerk "Cart(aus)a in Buxheim", darunter befindet sich der Bibliotheksstempel der Kartause. Vorderdeckel des Einbands an den Ecken leicht aufgebogen. Schwach gebräunt (wenige Bll. stärker), an den Rändern mitunter stockfleckig, einzelne kolorierte Initialen, ab und zu Unterlinierungen in Rot; ehemals grüner Schnitt großenteils entfärbt. Einzelne Wurmlöcher (Verlust von Buchstaben oder minimalen Bildanteilen). Oben knapp beschnitten, dadurch bei wenigen Bll. einzelne Buchstaben der Kopfzeile minimal angeschnitten. Titel mit handschr. Eintrag "Contenta". Vorderer Spiegel und Vorsatz etwas neuer, hinterer Vorsatz an den Spiegel geklebt. Buchblock durch die Entnahme der Beibände leicht geöffnet. Insgesamt ein gut erhaltenes Exemplar dieses überaus gesuchten Drucks. IA 121.016; VD 16, B 6404 (1 Ex.); Muller (Grüninger) 8 (2 Exx.); Schmidt (Grüninger) 57; Ritter 225; Adams B 2283; BMSTC (German Books) 135; Schweiger II, 31; Kristeller *96 (aber mit falschem Titel und falschen Angaben über die Zahl der Illustrationen); Muther 555 (mit detaillierten Angaben zu den Illustrationen)..

      [Bookseller: Antiquariat Büchel-Baur]
Last Found On: 2008-11-29          Check current availability from:     zvab


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